Engagement für Kinder aus Suchtfamilien

Händehaufen von Menschen unterschiedlichen Alters

"Um ein Kind groß zu ziehen,
braucht es ein ganzes Dorf"

afrikanisches Sprichwort

Es steckt viel Wahrheit in diesem Sprichwort: Wie viel mehr trifft dies zu für die Kinder suchtkranker Eltern.

Sie erleben ihre wichtigsten Bezugspersonen oft wie hinter einem dichten Vorhang. Die Eltern haben – krankheitsbedingt – keine oder nur eine eingeschränkte Wahrnehmung für die Bedürfnisse ihrer Kinder. Oft können sie nicht mit der Verlässlichkeit für die Kinder da sein, wie es für deren gesunde Entwicklung notwendig wäre.

Wenn Sie sich in ihrer Nachbarschaft, in der Familie, im Freundeskreis oder in Ihrem beruflichen Kontext um ein oder mehrere Kinder mit suchtkranken Eltern sorgen, fragen Sie sich möglicherweise, was Sie tun können und was das richtige Maß an Engagement ist? Auf dieser Seite versuchen wir, Antworten auf die wichtigsten Fragen zu geben:

Frage: Stimmt meine Wahrnehmung? Gibt es tatsächlich ein Suchtmittelproblem in der Familie des Kindes?

Antwort: Familien mit Suchtmittelproblemen sind sehr geschickt darin, das Problem nach außen hin zu verbergen. Süchtige Menschen (und oft auch die Partner/innen) werden meist nicht zugeben, dass es ein Problem gibt. Wenn Sie wahrnehmen, dass ein Kind aufgrund der häuslichen Situation belastet ist, sollten Sie dieser Wahrnehmung trauen. Es ist nicht entscheidend, mit letzter Sicherheit  zu wissen, ob nun tatsächlich ein Suchtmittelproblem oder eine andere Problematik wie z. B eine psychische Erkrankung eines Elternteils vorliegt. Sie können das Kind trotzdem unterstützen, indem Sie für es da sind (siehe unten).

tabu.jpgFrage: Darf ich mich da überhaupt einmischen?

Antwort: Das müssen Sie zunächst gar nicht tun. Und Sie sollten es auch nicht. Wenn es um Kinder in suchtbelasteten Familien geht, hat man es mit einem doppelten Tabu zu tun: Wenn Sie ein Suchtmittelproblem ansprechen, bedeutet dies das Durchbrechen einer hohen Tabuschranke. Und sich in die Angelegenheiten einer anderen Familie einzumischen – schon gar in Bezug auf die Kinder  – ist mindestens genauso ein starker Tabubruch. Machen Sie sich bewusst, dass es dem Kind schon unendlich helfen kann, wenn es in seinem Umfeld eine wohlwollende erwachsene Person gibt, zu der es Vertrauen fassen und bei der es sich sicher fühlen kann. Um eine solche Vertrauensperson für ein Kind zu werden, müssen Sie keine Tabuschranken verletzen.

Frage: Was kann ich für das Kind eigentlich tun?

Antwort: Für das Kind einfach da zu sein, und zuzuhören, ist bereits ein großes Geschenk. Kinder aus suchtbelasteten Familien erleben ihre Eltern oft als nicht wirklich anwesend. Daher ist es für sie eine hilfreiche Erfahrung, wenn erwachsene Menschen sie mit Wachheit und Wohlwollen wahrnehmen, Ihnen Aufmerksamkeit entgegenbringen und Zeit widmen. Diese Kinder profitieren von allem, was ihnen ermöglicht, einfach nur Kind zu sein, ausgelassen spielen zu können sowie Sicherheit, Vertrauen und Entspannung zu erfahren. Bevor Sie sich engagieren, bedenken Sie bitte: Für diese Kinder ist es besonders wichtig, dass ihnen erwachsene Ansprechpartner über einen längeren Zeitraum verlässlich zur Verfügung stehen. Wenn Sie sich aus dem Augenblick heraus stark engagieren, dieses Engagement jedoch nach kurzer Zeit wieder beenden, schadet dies mehr als dass es hilft.

Frage: Sollte ich mit dem Kind über das Suchtmittelproblem oder andere Belastungen in der Familie sprechen?

da sein.jpgAntwort: Bevor Sie mit einem Kind über belastende Umstände in der Familie sprechen, muss sich zwischen Ihnen und dem Kind eine tragfähige Vertrauensbasis entwickeln. Nie sollten Sie mit dem Kind ohne eine solche Basis über Suchtmittel oder andere Belastungen sprechen. Gerade diese Kinder sind ihren Eltern gegenüber absolut loyal, und es würde ein Kind in einen tiefen Loyalitätskonflikt stürzen, wenn Sie es unvermittelt auf das Familiengeheimnis Sucht ansprechen. Wahrscheinlich würde und müsste das Kind leugnen, dass ein Suchtmittelproblem besteht und möglicherweise den Kontakt zu Ihnen abbrechen.

Am meisten profitiert das Kind davon, wenn Sie sich ihm wohlwollend und nicht drängend zuwenden. Wenn Sie den Eindruck haben, dass das Kind ihnen gerne etwas über Vorkommnisse in der Familie anvertrauen möchte, sich aber nicht traut, können Sie vorsichtig versuchen, mit ihm über seine/ihre Gefühle und Befürchtungen zu sprechen. Fühlt sich das Kind bei Ihnen sicher, wahrgenommen und verstanden, spricht es möglicherweise sogar von sich aus die Dinge an, die es in der Familie belasten. Wenn dabei die Rede auf Alkohol-, Drogen- oder andere Suchtmittelprobleme eines Elternteils kommt, sollten Sie in der Lage sein, dem Kind präzise und altersgemäße Informationen über Sucht und Suchtmittel zu vermitteln. Das Kind sollte folgende Punkte verstehen: 

  • Sucht ist eine Krankheit.
  • Du hast sie nicht verursacht.
  • Du kannst sie nicht heilen.
  • Du kannst sie nicht kontrollieren.
  • Du kannst gut für dich selber sorgen.
  • Du kannst über deine Gefühle mit Erwachsenen sprechen, denen du vertraust.
  • Du kannst gesunde Entscheidungen treffen - für Dich.
  • Du kannst stolz auf Dich sein und Dich selber lieb haben.

Diese Punkte zu hören und zu verstehen, kann für das Kind eine entscheidende Entlastung sein. In der Regel muss das Kind die Punkte mehrfach hören, um sie glauben und verinnerlichen zu können.

Weitere Anregungen, wie Sie einem Kind altersgemäße Informationen über Sucht vermitteln können, finden Sie auf dieser Website unter Infos für Kids und auf unserer Jugendseite TRAU DICH!. Sie können diese Webseiten gemeinsam mit dem Kind anschauen und sollten danach weiterhin für Fragen und Gesprächswünsche des Kindes offen sein. Auch unser Kinderbuch Fluffi oder andere Titel aus unseren Literaturtipps können hilfreich sein, um mit einem Kind über die Krankheit Sucht ins Gespräch zu kommen und ihm altersgemäße Informationen zu vermitteln.

vertrauen.jpgFrage: Soll ich die Eltern auf ein vermutetes Suchtmittelproblem ansprechen?

Antwort: Ähnlich wie bei dem Kind ist es auch bei den Eltern nicht ratsam, den Verdacht auf ein Suchtmittelproblem unvorbereitet anzusprechen. Basis sollte auch hier ein vertrauensvoller Kontakt zu den Eltern sein. Diesen können Sie am ehesten herstellen, indem Sie vorzugsweise mit dem nichtkonsumierenden Elternteil ins Gespräch über das Kind kommen. Wenn dieser versteht, dass Ihnen das Kind am Herzen liegt, kann dies eine gute Grundlage sein.

Ist auf diese Weise ein Grundvertrauen gewachsen, ermöglicht Ihnen dies möglicherweise auch, zu einem geeigneten Zeitpunkt das Tabuthema Sucht anzusprechen. Wenn Sie dies tun, ist es wichtig, aufrichtig und werturteilsfrei über das zu sprechen, was Sie beobachtet haben. Angehörige von Suchtkranken schämen sich für Ihre Partner. Sie sollten sich keinesfalls bewertet oder verurteilt fühlen. Sucht ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche. Dies sollten Sie bei einem Gespräch in Ihrer Haltung zum Ausdruck bringen.

Auch sollten Sie das Ansprechen des Problems stets mit dem Hinweis auf Hilfeangebote verbinden. Recherchieren Sie daher vor dem Gespräch Hilfeadressen vor Ort wie z.B. Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen für Angehörige, Selbsthilfegruppen für Suchtkranke sowie eventuell vorhandene Angebote für das Kind. Auch können Sie den Bereich Infos für Eltern auf dieser Website weiter empfehlen. Sie können dem nichtsüchtigen Elternteil damit die Hoffnung vermitteln, dass es für das Familienproblem Hilfe gibt und er/sie damit nicht mehr alleine zu sein braucht.

Frage: Wann muss ich eine Meldung beim Jugendamt machen?

Antwort: Eine elterliche Suchterkrankung an sich ist für Jugendämter in der Regel noch kein hinreichender Grund, tätig zu werden. Erst wenn es Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung gibt, greift das staatliche Wächteramt. Wenn Sie den begründeten Verdacht haben, dass das Kindeswohl gefährdet ist, sollten Sie eine Meldung beim zuständigen Jugendamt zu machen.

Eine Kindeswohlgefährdung kann angenommen werden, wenn es Zeichen von körperlicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung und/oder Verhaltensstörungen beim Kind gibt. Sie haben die Möglichkeit, sich zunächst anonym an das Jugendamt zu wenden, um ihre Beobachtungen mitzuteilen und von den dortigen Mitarbeiter/innen eine Einschätzung einzuholen. Machen Sie sich bitte bewusst, dass das Jugendamt ein Kind nur im äußersten Notfall aus der Familie herausnehmen wird. Meist wird es den Eltern ein Hilfeangebot machen, um die Situation in der Familie und besonders für das Kind zu verbessern. Dies kann eine Chance sein, dass Eltern sich Hilfe für ihr Suchtmittelproblem suchen.

Bei akuter Gefahr für Leib und Leben des Kindes, zögern Sie bitte nicht, die Polizei einzuschalten.

nähe.jpgFrage: Was kann ich tun, wenn ich beruflich mit Kindern arbeite?

Informieren Sie sich auf dieser Website. Sie finden hier Fachinformationen für Pädagog/innnen, Mitarbeiter/innen in der Jugendhilfe und im Gesundheitswesen.

Frage: Wo kann ich mich beraten lassen?

Antwort: NACOA Deutschland bietet wahlweise eine E-Mail-Beratung oder eine Telefonberatung für Menschen an, die sich um ein Kind sorgen und ihm helfen wollen. Alle Informationen über unsere Beratungsangebote finden Sie hier.

 

 

 

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