Tagung 2022

Rückblick auf die Fachtagung "Kommunikation und Beziehung digital gestalten - Weiterentwicklung von Hilfen für suchtbelastete Familien" am 14.10.2022

Der Einstieg in die Tagung erfolgte mit einem Grußwort von Dr. Reinhardt Mayer von NACOA Deutschland e.V. und anschließend von Nina-Roth, die die Suchtprävention in Rheinland-Pfalz leitet.

Darauffolgend gab Lisa Roth-Schnauer, elbdialog GbR, in ihrem Vortrag „Stimmige Kommunikation und Beziehungsgestaltung im virtuellen Raum – worauf es ankommt und wie dies gelingen kann“ einen Einblick in die digitale Kommunikation, in deren Hürden und wie man diese erfolgreich meistern kann.

Denn digitale Kommunikation bringt auch Schwierigkeiten mit sich, die es in der analogen Kommunikation so nicht gibt. Somit ist es manchmal schwer, das Gegenüber richtig zu verstehen, da durch technische Schwierigkeiten das Gesagte verzerrt werden oder die Mimik und Gestik missverstanden werden kann.

Im weiteren Verlauf des Vortrags verwies Lisa Roth-Schnauer auf weitere praktische Tipps, die das Gelingen einer „Online-Veranstaltung“ ermöglichen. 

Nach einer kurzen Kaffeepause ging es mit dem Vortrag „Viele Persönlichkeiten – viele Wege – Onlinebasierte zielgruppenspezifische Ansprache“ von Dr. Dirk Kratz, Therapieverbund Ludwigsmühle gGmbH, Herausgeber des Podcasts "Freheit ohne Druck" weiter.

Dr. Dirk Kratz stellte in seinem Vortrag dar, dass es durchaus schwierig ist, die richtige Zielgruppe in der „Online-Suchthilfe“ zu erreichen.

Denn man kann nicht überall zugleich sein und benötigt eine sehr große Reichweite und finanzielle Mittel, um „gesehen“ zu werden.

Ein Problem, das sich durch die Nutzung der Sozialen Medien ergibt, ist auch, dass der Konsum von Suchtmittel öffentlich zur Schau gestellt wird und sich die Präventionsarbeit somit schwierig gestaltet.

Suchthilfe gerät weiterhin in Konkurrenz zu vielen Betroffenen, die sich bereits selbst in den sozialen Medien z.B. auf Instagram oder YouTube, organisieren und dort die Zielgruppen ansprechen – teils allerdings auch mit gewerblichen Absichten. 

Insgesamt muss sich die Suchthilfe darauf einstellen und einlassen, vielfältige und kreative Angebote zu entwickeln, um die Zielgruppen im digitalen Raum zu erreichen.

Anschließend gab es eine Mittagspause mit einem sehr schönen Ausblick auf die Spree.

Tagung - Ausblick Terrasse

 

Am Nachmittag wurden die folgenden fünf Thementische bearbeitet.

  1. Potentiale und Herausforderungen – Wo stehen wir und was brauchen wir in der professionellen Hilfe
  2. Für und mit Jugendlichen – Wie müssen digitale Angebote sein?

  3. Vertrauen und Bindung – Handlungssicherheit und Kompetenzen im digitalen Raum

  4. Digital und/oder Präsent – Wo brauchen wir welche Angebote und wie können Übergänge gestaltet werden?

  5. „Miteinander reden – voneinander lernen: COA.KOM, die Kommunikationsplattform rund um die Arbeit mit suchtbelasteten Familien

Die Ergebnisse der Thementische

Der erste Thementisch „Potentiale und Herausforderungen – Wo stehen wir und was brauchen wir in der professionellen Hilfe?“ wurde von Dr. Reinhardt Mayer, Vorstandsmitglied von NACOA und Dr. Dirk Kratz, Therapieverbund Ludwigsmühle betreut. Einige Vorschläge, die professionelle Hilfe zu verbessern, sollen hier vorgestellt werden:

Der Ausbau neuer Gruppen für Kinder muss gefördert werden sowie eine sichere Finanzierung der Angebote gegeben sein. Dadurch, dass Geldgeber die Vorgaben verändern können, ist dies nicht immer einfach umzusetzen - manche Angebote verlieren ihre Finanzierung und müssen beendet werden.

Des Weiteren wurden soziale Kompetenztrainings in Schulen als Verbesserungsmaßnahme vorgeschlagen: dadurch könnten Lehrer*innen geschult werden, wie sie mit dem Thema Sucht besser umgehen und an wen sie sich im Notfall wenden können.

Ebenso wurden die sozialen Medien als „add on“ zur analogen Suchthilfe gesehen, um auch die jüngere Generation gezielter erreichen zu können.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die professionelle Hilfe immer mehr mit den sozialen Medien auseinandersetzen muss, um dem Suchtmittelkonsum präventiv gegenzusteuern.

Beim zweiten Thementisch, der von Günter Döker, Leiter des Vereins „die große Freiheit“ mit dem Theaterstück „machtlos#“, und Stefan Ey, Theaterpädagoge, betreut wurde, ging es um die Frage „Für und mit Jugendliche – Wie müssen digitale Angebote sein?“


Einen Einblick in die Ergebnisse des Thementisches gibt Ihnen Günter Döker und Stefan Ey:


„Unser Arbeitsbereich in der GrOßeFreiheit e.V. liegt im Bereich der Aufklärung / Information zum Thema Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Unsere Theaterangebote sind für und mit Kindern und Jugendlichen. 

Sehr gern wird unser Stück MACHTLOS auch als Türöffner für Auftaktver-anstaltungen von Organisationen, die in dem Bereich einer Arbeitstagung, Suchtwoche oder ähnlichem wirken. Die Nachfrage unseres KlassenzimmerTheaterStücks #machtlos für die Schulklassen 6. steigt stetig.

Wir sind als Vertreter des Liveerlebnisses der Fragstellung nachgegangen, ob oder wie eine Arbeit wie die unsere auch digital funktionieren könnte. 

Relativ schnell stellte sich heraus, dass eine reine Abfilmung keinen Nährwert darstellen würde. 

Natürlich kann man Theaterarbeit filmisch darstellen, ohne aber den Effekt der Liveemotionalität. Diese Sicht auf unser Fazit wurde im Plenum der Teilnehmer deutlich bestätigt.

Sehr wohl sind andere Konzepte wie Film und Theater natürlich denkbar, 

aber sie müssen von vornherein in dieser hybriden Form gedacht werden.“

Der dritte Thementisch „Kindeswohlgefährdung, Schutzauftrag und Beziehungsarbeit in er Online-Beratung. Ein Spannungsfeld?“ wurde von Kristin Frank und Franka Asselborn, die das Online-Beratungsangebot „KidKit“ der Drogenhilfe vertreten, betreut. Veranschaulicht wurde der Thementisch durch ein Fallbeispiel mit einer Beratungsanfrage.

Darauf aufbauend wurden zu den Punkten Kindeswohlgefährdung, Schweigepflicht, Schutz und Vertrauen Stichpunkte gesammelt, die beschreiben, mit welchen Schwierigkeiten die Online-Beratung zu kämpfen hat. - Was durch die Diskussionsrunde offensichtlich wurde, ist, dass es zwischen den verschiedenen Schnittstellen zu viele Kommunikationshindernisse gibt und eine klare Struktur fehlt, wer für was zuständig ist. Im schlimmsten Fall wird zu lange gewartet und es passiert nichts.

Beim vierten Thementisch „Digital und/oder präsent – Wo brauchen wir welche Angebote und wie können Übergänge gestaltet werden?“, der von Corinna Oswald, Vorstandsmitglied von NACOA, und Anna-Maria Zentgraf, Leitung der Online-Beratung von NACOA, betreut wurde, wurden verschiedene Wege bzw. Schwierigkeiten in Bezug auf Vermittlungswege (Übergänge) diskutiert.

Digitale Beratungsangebote wie die Online-Beratung von Nacoa und KidKit werden v.a. von Jugendlichen und jungen Erwachsenen wahrgenommen, die ansonsten keine Ansprechpartner*innen haben. Die familiäre Suchterkrankung ist in der Regel nicht offen, sondern wird (von den Eltern) geheim gehalten; häufig geht sie einher mit (sexualisierter) Gewalt. Diese jungen Menschen sind auf anonyme Beratungsangebote im Netz angewiesen. Auch wenn die Online-Beratung darauf abzielt, die Ratsuchenden an Institutionen vor Ort weiterzuvermitteln, gelingt dies nicht immer / sofort. Oft dauert es sehr lange, bis die Ratsuchenden Vertrauen gefasst haben; häufig verbleiben sie über lange Zeiträume in der Online-Beratung, haben dort auch ihre festen Bezugspersonen (Berater*innen). Werden sie tatsächlich von den Onlineberater*innen an Institutionen vor Ort weitervermittelt, dann nicht in spezialisierte Angebote für Jugendliche aus suchtbelasteten Familien (die ja immer auch eine Transparenz des familiären Themas fordern), sondern vielmehr an Jugendämter, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Kinder- und Jugend- oder Erwachsenenpsychotherapeut*innen. – Da das Vorhalten einer online-basierten Plattform für hilfesuchende Kinder und Jugendliche auch eine der Empfehlungen (Nr. 6) der AG KIPSE ist, sollte eine solche auch dauerhaft gefördert werden. – Es müssten digitale Angebote auch viel mehr beworben werden (z.B. mit der Trau-Dir-Seite von NACOA), so dass möglichst viele Jugendliche von dieser Möglichkeit wissen und Gebrauch machen können (denn in den meisten Familien ist die Suchterkrankung nicht offen).

Analoge Beratungsangebote sind hochschwelliger angelegt – es bedarf zumeist einer Einsicht der suchtkranken Eltern oder weiterer familiärer Bezugspersonen oder zumindest sozialpädagogischer Familienhelfer*innen in die Problematik und deren Auswirkungen auf die Kinder. Die Eltern müssen in der Regel der Teilnahme ihres Kindes zustimmen. Häufig (meistens) braucht es einen Hol- und Bringdienst, damit die Kinder am Angebot teilnehmen können (Eltern haben oft kein Auto, keinen Führerschein (mehr), kein Geld für Sprit, können aufgrund ihrer Erkrankung nicht an regelhafte Termine denken / sie wahrnehmen etc.) - Hier wurde die Erreichbarkeit der Eltern diskutiert, auch die Frage, inwieweit Kinder – eben auch ohne Wissen der Eltern – Beratung in einem spezifischen Angebote für Kinder aus suchtbelasteten Familien wahrnehmen können. Es wurde verwiesen auf das neue KJSG, das Kindern eben genau diese Möglichkeit eröffnet (ohne Wissen der Eltern, auch ohne Notlage). Es wurde die Frage kontrovers diskutiert, inwieweit Kinder aus suchtbelasteten Familien auch an einer dauerhaft angelegten Gruppe – ohne Einbezug der Eltern – teilnehmen können / dürfen und ob dies überhaupt fachlich sinnvoll ist. Hier wurde provokativ eingeworfen, dass es von einer großen Kompetenz auf Seiten des Kindes zeugen würde, wenn es dauerhaft die Teilnahme an einem solchen Gruppenangebot vor den Eltern verheimlichen könnte.

Prinzipiell wurde der Weg der suchtpräventiven Veranstaltungen in Schulen als Wegweiser sowohl hin zu Online-Angeboten als auch zu Angeboten vor Ort als ein extrem wichtiger und sinnvoller beschrieben. So können große Zahlen an Schüler*innen erreicht, sensibilisiert und auf Hilfe aufmerksam gemacht werden.

Zu Austauschformaten und Fortbildungsangeboten für Fachkräfte rund um das Thema: diese gibt es – spätestens seit Corona – nicht nur in Präsenz (wie „Kind s/Sucht Familie“), sondern auch online (wie die „Kidinare“ oder die Kommunikationsplattform COA-KOM). Hier müssen Interessent*innen (oft gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber) ausloten, welches Angebote den Bedarfen und Bedürfnissen am besten entspricht, auch ökonomisch vertretbar erscheint.

Beim fünften Thementisch „Miteinander reden – voneinander lernen: COA.KOM, die Kommunikationsplattform rund um die Arbeit mit suchtbelasteten Familien“, der von Julia Aufm Orde und Judith Winkler betreut wurde, wurden Möglichkeiten besprochen, um COA.KOM weiter zu verbessern.


Dies kann durch gemeinsame Veranstaltungen, wie z.B. Buchvorstellungen oder das Vorstellen neuer Angebote, erreicht werden. Ebenso wurden Netzwerk-Treffen vorgeschlagen, wodurch sich die Fachkräfte, die im gleichen Raum agieren, über Neuigkeiten, Probleme und Weiteres austauschen können.

Eine weitere Idee war, offene Fragen und Denkanstöße als Diskussionsanfang auf COA.KOM zu posten, um die Vernetzung zwischen den Fachkräften und Institutionen zu verbessern.

Insgesamt bot die Fachtagung vielfältige Einblicke und Anregungen, die sich mit dem Agieren im digitalen Raum befasste – von eher unspezifischen Hinweisen zum Auftreten in Online-Veranstaltungen über die Frage der Erreichbarkeit von konsumierenden Zielgruppen in den unterschiedlichen Medien bis hin zu Fragen der Kindeswohlgefährdung im Zusammenhang mit der Online-Beratung von Kindern aus Suchtfamilien.

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