Gesellschaftliche Wahrnehmung des Problems Kinder aus Suchtfamilien

Ende der 1970er Jahre ist die Problematik der Kinder aus alkoholkranken Familien in den USA verstärkt in das Blickfeld der Forschung geraten. Es dauerte bis Ende der 80er Jahre, bevor das Thema auch in Deutschland in Fachkreisen diskutiert wurde und die Ergebnisse der amerikanischen Untersuchungen von deutschen Verlagen in Übersetzung herausgebracht wurden.

 

Es folgten Publikationen deutscher Autorinnen und Autoren.[1]


 

Bundespolitik öffnet sich der Hilfe für COAs zögerlich

Doch bis heute ist das Problembewusstsein in Deutschland unzureichend ausgeprägt. Die Politik hat gerade erst begonnen, die Brisanz des Themas Kinder aus Suchtfamilien (Children of Alcoholics/Addicts = COAs) in ihrer gesundheits-, sozial- und bildungspolitischen sowie demographischen Dimension wahrzunehmen. Obgleich bekannt ist, dass die Schädigung von Kindern durch das Aufwachsen mit suchtkranken Eltern immense soziale Folgekosten nach sich zieht, hat es die Bundespolitik bis heute versäumt, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die COAs einen individuellen Rechtsanspruch auf präventive Hilfe und Unterstützung einräumen. Die bestehenden Gesetze, so die Bundesregierung, reichten aus. [2] Der Bundestag hat demgegenüber im Sommer 2017 eine Arbeitsgruppe beschlossen, die Hemmnisse für Hilfen für COAs in der Sozialgesetzgebung identifizieren soll. Auch hat die Bundesdrogenbeauftragte die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden aufgefordert, ihre Hausaufgaben zu machen, damit COAs nicht länger durch die Netze der Hilfesysteme durchrutschen. [3] Es bleibt abzuwarten, welche konkreten Schritte die Bundespolitik in der neuen Legislaturperiode tut. 

 

Hilfesystem für COAs gleicht einem Flickenteppich
 

Etwas besser sieht es auf der Landesebene aus, wo in einzelnen Bundesländern ein langfristiger politischer Wille erkennbar ist, Hilfestrukturen für COAs finanziell zu fördern (insbesondere Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Thüringen). In der Mehrheit der Bundesländer hat das Thema allerdings bis heute keinen hohen Stellenwert auf der sozialpolitischen Agenda. Folglich gibt es bei den Hilfeangeboten für COAs ein großes Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Bundesländern. Die Hilfelandschaft gleicht einem Flickenteppich. Ein Grund dafür ist auch in der Finanznot der Kommunen zu suchen. Gezielte präventive Hilfeangebote für COAs sind hinsichtlich ihrer Finanzierung auf den guten Willen, den Weitblick und die finanziellen Spielräume der Verantwortungsträger in Landkreisen und Gemeinden angewiesen. Insgesamt gibt es bundesweit schätzungsweise 200 Hilfeangebote. Das heißt, dass ein Angebot auf ca. 11.000 betroffene Kinder kommt. [4] Eine Regelfinanzierung und der flächendeckende Ausbau dieser Hilfen sind dringend erforderlich. Der Bundesgesetzgeber und die Politik auf Länder- und auf kommunaler Ebene sind und bleiben gefordert. 

 

Kitas und Schulen sind die wichtigsten Orte, um COAs zu erreichen
 

Kindergärten und Schulen kommt bei der Unterstützung von COAs eine Schlüsselstellung zu, weil hier potenziell alle Kinder erreicht werden können, unabahängig davon, ob ihre Eltern für ihre Suchterkrankung Hilfe suchen oder nicht. Vielfach berichten Lehrer/innen und Erzieher/innen aber von Gefühlen der Hilflosigkeit, wenn sie merken, dass ein Kind unter einem elterlichen Suchtproblem leidet. Aus Angst, das Falsche zu tun, unterlassen Pädagog/innen oftmals Hilfe. Hinzu kommen die Furcht vor Auseinandersetzungen mit den süchtigen Eltern und die Sorge, bei Information des Jugendamtes schuld an einer möglichen Herausnahme des Kindes aus der Familie zu sein. In der Aus- und Fortbildung von Lehrer/innen und Erzieher/innen wird das Thema COA meist nicht vermittelt. Um sicherzustellen, dass jede Pädagogin und jeder Pädagoge in Deutschland ein Grundverständnis von COAs hat und weiß, wie sie unterstützt werden können, sind Bildungspolitiker insbesondere in den Ländern gefordert.

Eine Zusammenstellung von politischen Dokumenten und Maßnahmenpapieren zum Thema Kinder aus Suchtfamilien halten wir hier für Sie zum Download bereit

Politische Dokumente NACOA-Infoblatt

Empfehlungen zur Unterstützung von Kindern aus suchtbelasteten Familien NACOA-Positionspapier

A Manifesto for Change Maßnahmenpapier britischer Parlamentsabgeordneter

 

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